Memorias de un viaje

Insektenzirpen, Krötenquaken und Vogelschreie in Antonio Gonzales Paucars Arbeiten evozieren Geräuschkulissen ähnlich dem tropischen Regenwald. Die irritierenden Soundteppiche entstehen aus präzis gespannten Fäden, minutiös austarierten Klangkörpern aus Dosen und Schläuchen und wie Glut knisterndem Badesalz. Tonexperimente, die Gonzales Paucar (*1973, Huancayo, Peru) nach aufwändigen Recherchen ohne Technologiesupport mit Natur- und Industriematerialien produziert.

In dem Spannungsfeld aus Natur und dieser domestizierenden Kultur entstehen Videoarbeiten wie Manuelle Komposition (Composición manual, 2007), ein Register feiner, vom Künstler an Alltagsgegenständen und selbstgebauten Instrumenten erzeugter Töne. Bildverfremdungen und sich verkürzende Sequenzen erzeugen ein Schwindel erregendes Ton-Bild-Karussell.

In komplexen Performances, die alle Sinne des Betrachters unter Ausschluss des Sehens einbeziehen, schafft Gonzales Paucar ferner ritualhafte Experimente, die von der Auseinandersetzung mit seiner Herkunft aus den peruanischen Anden zeugen. Die überraschende Konfrontation mit natürlichen Düften und Geschmäckern exotischer Herkunft, künstlich erzeugten, raumfüllenden Toncollagen und unterschiedlichen Texturen lösen ein Gefühl von Kontrollverlust beim westlichen Betrachter aus. Mit seinen sensiblen Naturinszenierungen ruft Gonzales Paucar nicht nur tradierte Klischees lateinamerikanischer Identitäten auf, sondern münzt diese um in eine subtile Bedrohung der physischen Integrität des Betrachters, die jedoch nie eingelöst wird. Zeit und Raum scheinen zu verschwimmen und mit ihnen vermeintlich bestehende kulturelle Zuschreibungen von Natur und Zivilisation, von Spiritualität und Rationalität.

Ein intensives formales Interesse zeigt sich bei Gonzales Paucar sowohl in fotografischen Arbeiten wie Ahorninsekt (2007) als auch in Installationen wie Löwenzahn (Dientes de león, 2006-2007) und Schuhe, die die Stille brechen (Zapatos que rompen el silencio, 2007). Der Künstler hält filigrane Naturformen in gestochen scharfen Nahaufnahmen fest und stellt dabei deren Ephemerität auf poetische Weise heraus. Tausende Löwenzahnpollen bringt er dagegen mit Plastiktüten als Behältern industrieller Herkunft in Form und verleiht dem natürlichen Rohmaterial dadurch skulpturalen Charakter. Unzählige fein gereihte, schwarz-silbern schimmernde Fliegen lösen zunächst Faszination, bei näherem Betrachten Abscheu aus. Diese Mechanismen des ,Erhabenen’ stellt Gonzales Paucar einem alten Paar schwarzer Schuhe gegenüber – nach der Begegnung in seiner Jugend mit einem anonymen Toten repräsentiert dies für ihn symbolhaft den Beginn einer Kette politischer Morde in seiner Heimat.

Diesen Arbeiten liegt ebenso die implizite Bedrohung der physischen Integrität zugrunde, die sich in der Fotografie Altar (2006) und in der Videoarbeit La Resentida (2007) noch verstärkt. Der Kandelaber aus den Fingern des Künstlers verweist auf den ritualhaften Einsatz des Urelements Feuer in religiösen wie heidnischen Kulten. Zugleich löscht es jedoch unumgänglich die kurzlebigen Bienenwachskerzen aus und läuft Gefahr, den Künstler als Materialträger zu verletzen.

Ein Messer, das die aussterbende Farnpflanze La Resentida, das Gesicht eines Indianers spiegelnd, bedroht und dennoch fast zärtlich berührt, löst das Verschließen von deren Blättern aus. Bildhaft wie metaphorisch thematisiert Gonzales Paucar hier, vor dem Hintergrund eines verstörenden Geräusches, die Ambivalenz von Zivilisation, die Fortschritt bringt, aber vorhandene Ressourcen, wie den Regenwald im peruanischen Amazonasgebiet, unwiederbringlich zerstört.

Gonzales Paucars ritualhafter Einsatz von Natur in der Befragung der eigenen Herkunft und Identität wird insbesondere in der Videoarbeit Schütze mich (Protéjame, 2007) und in der filmisch dokumentierten Performance Mit meinen Glühwürmchen tanzend (Danzando con mis luciérnagas, 2007) deutlich. Ähnlich wie die Kubanerin Ana Mendieta (1948-1985) in den Erd-Körper-Arbeiten ihrer Silueta-Serie (1973-1980) begibt sich Gonzales Paucar in eine Symbiose mit dem Urelement Erde. Mit dem Ort, an dem er die Arbeit realisiert, ein Maisfeld in seiner Heimat in den Anden, wählt er jedoch einen unmittelbaren Bezugspunkt aus seiner Kindheit, die er mit Sä- und Ernteprozessen, dem Spiel mit Lehm und der Umgebung aus Adobe-Häusern verbindet.

In Schütze mich wie auch Mit meinen Glühwürmchen tanzend steht zudem der Prozess im Vordergrund. Das sukzessive, digital animierte Eingraben erzählt von der ersehnten Verbindung von Körper und Haaren mit der Erde. Das an Gonzales Paucars’ Körper abgebrannte Feuerwerk aus Raketen und Wunderkerzen rekurriert hingegen auf die lateinamerikanische Volksfesttradition aus Musik, Tanz und Pyrotechnik, der auch eine ritualhaft-reinigende Funktion zugeschrieben wird. Die rhythmischen Bewegungen des Künstlers unterstreichen diesen Aspekt, auch wenn dieser durch die natürlichen Gegebenheiten konditioniert wird. Licht und Konturen sind nur solange sichtbar, wie das Feuer die Materie nährt. Mit dessen langsamen Erlöschen schluckt die Dunkelheit alle Form. Zurück bleibt die Nacht.

Dr. Kirsten Einfeldt, 2007