Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Goya hat uns das erzählt, in einem berühmten Stich aus seinen Capriccios, und der junge Peruaner Antonio Gonzales Paucar erzählt uns noch einmal neu davon. Auf einer Videoprojektion im Haus am Lützowplatz ist der 1973 geborene Künstler selbst zu sehen. Er wälzt sich im Schlaf. Über ihm malen Unsichtbare bedrohliche Zeichen in die Luft. Graphit bröselt. Finstere Gesichte entstehen aus dem Nichts. Traumkalender aus den Anden heißt der Medienmix des Rebecca-Horn-Schülers (am Lützowplatz 9, bis 2.3., Di-So 11-18 Uhr).

Bei Paucar mischt sich augenzwinkernder Illusionismus mit Schamanentum. Letztlich simpel ist der Trick mit den Graphitzeichnungen, wie Paucars Eröffnungsperformance zeigt: Der Künstler agierte im Inneren einer sechseckigen „Litfasssäule“ und zeichnet mithilfe von starken Magneten abstrakte Linien auf die Außenhaut der Kabine. Der Wabengrundriss kommt nicht von ungefähr. Paucar ist gelernter Imker, der Honig und Wachs in seine Kunst einbringt. Ein Foto und ein Video zeigen ihn mit brennenden Fingern, auf denen fingerdicke Kerzenstumpen sitzen. Wehe, die Fingerspitzen kommen sich zu nah. Kalte Schauer löst dagegen die raumgreifendste Paucar-Installation aus: Mithilfe feiner Bindfäden steigt aus einem Paar Männerschuhe eine Säule aus toten Fliegen auf und weitet sich weiter oben zu einer aus Insektenleibern gebildeten Wolke. Die Seele verflüchtigt sich. Ungeheuer ist der Tod.

Jens Hinrichsen