Antonio Gonzales Paucar überzeugt erneut mit einer schönen Ausstellung neuer Arbeiten im Haus am Lützowplatz

Text: Patrick Küppers

Sie kennen alle die berühmte Proportionszeichnung Leonardo da Vincis, in der ein Mann mit ausgestreckten Armen und Beinen in einem Kreis zu sehen ist. Eine künstlerische Konstruktion eines an die Antike angelehnten Idealkörpers und somit eines der zentralen Dokumente des Renaissancehumanismus. Nun stellen Sie sich Kohlenstücke an den Extremitäten dieses Mannes vor, mittels derer er sich drehend den Kreis erst zeichnet, in den er so idealisch eingefügt ist. Und schon befinden Sie sich mitten in der faszinierenden Welt des Antonio Paucar. Der in Peru geborene Künstler vollzieht in seinen Werken eine in höchstem Maße anregende und dabei stets auch amüsante Auseinandersetzung mit einer ganz problematischen Dimension des Menschen: mit seinem Körper.
Bereits vergangenen Herbst zeigte Paucar in der Galerie Davide Gallo in Berlin-Mitte unter anderem seine außergewöhnliche Installation »Zapatos que rompen el silencio«. Auf dem Boden stehende Schuhe, in denen Nylonfäden enden, an denen zahllose Fliegen die Konturen eines Menschen nachzeichnen. Ein vielschichtiges Gedicht von der Vergänglichkeit des Körpers und zugleich ein ironischer Ausblick darauf, den im Prozess der Moderne fragmentierten Körper als Punkte im Raum wiederherzustellen. In den großzügigen Räumen des Hauses am Lützowplatz ist eine neue Variation des Fliegenmannes zu sehen. Dynamischer, bewegter wirkt diese, der Charakter eines Fliegenschwarms ist stärker betont. Insgesamt beschäftigt sich Paucars neue Ausstellung intensiv mit Bewegung. Eine Serie von»Zeichnungen im Tanz« sind nicht zuletzt eine Reflexion auf dynamische Prozesse, die den Punkt zur Linie werden lassen. Das ist auch der Moment, an dem die Wichtigkeit der Performances bei Paucar unmittelbar sinnfällig wird. In seiner Performance »Kokon«wandern, »wie von Geisterhand«, Graphitbrocken über die weiße Oberfläche einer mannsgroßen Bienenwabe und hinterlassen dort Punkte und Linien. Der Künstler im Inneren der Wabe bleibt unsichtbar, aber die Linien zeugen von der Bewegung seines Körpers. Erinnern nicht auch die Tanzzeichnungen an Linien, welche die Füße der Tanzenden auf dem Parkett zurücklassen? Wo ist die Grenze zwischen den Linien unserer Schritte und etwa den kreisenden Bewegungen unserer Hände, wenn sie schreiben?
Kurzum: Antonio Gonzales Paucar vermag es, komplexe und schwierige Themen auf erstaunlich zugängliche und immer poetische Weise in seine Kunst einzuformen. Das sollte Grund genug sein, bis zum 2. März, an dem diese außerordentliche Ausstellung leider schon wieder schließt, auf jeden Fall das Haus am Lützowplatz aufzusuchen.

:: »Traumkalender aus den Anden« von Antonio Gonzales Paucar, noch bis zum 08.03.2008 im Haus am Lützowplatz, Berlin