Anke M. Ulrich, 2009

Antonio  Paucar, der sich in seinen Performances, Installationen und Videos vorwiegend mit den Themen von Vergänglichkeit, Transformation, der Kraft des Unbewussten und des Sammelns beschäftigt, nutzt als Instrument und Werkzeug seines künstlerischen Schaffensprozesses oftmals die Selbsterfahrung und seine eigene physische Präsenz. Er verwendet dabei moderne Formen von Masken, die er aus Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs wählt  wie in der Performance “Tanz der Anziehung”, in der Ausstellung „Ode“. In einer anderen hier nicht gezeigten Videoarbeit, mit dem Titel: „Sembrando recuerdos para no olvidar“ (Erinnerungen säen, um nicht zu vergessen) 2009 dokumentiert er, wie er in seinem Heimatland Peru unter Einsatz seines eigenen Körpers und in Zusammenarbeit mit dem Kräftespiel zwischen ihm und zwei Tieren, Spuren in der Erde hinterlässt. Ähnlich wie in der Land Art wirken diese von weitem betrachtet wie abstrakte Zeichnungen . Das Spektrum seiner Performances ist weit. Es zeigt sowohl stille, zarte, spielerische, fragile Momente, die ephemere Erscheinungen aus Licht in den Fokus rücken – wie in der Arbeit, „Altar“, 2006 – als auch kraftvolle, dynamischen Action-Painting-artige Performances „Hommage a Goya“, 2008. Darin übernehmen andere für ihn im Verborgenen hinter den Wänden mittels Graphit-Magneten die Malerei während der Künstler selbst – schläft. Es ist seine Interpretation der Capriccios von Goya mit dem Titel “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer”. Paucar bezieht sich mit dieser Arbeit auf die dunklen Dämonen, denen der Mensch im Traum begegnet und deren fragwürdige Rolle als Inspirationsquelle für die Kunst. Im Zentrum seiner Arbeiten steht oft die Handlung, nicht er selbst. Er selbst ist nur der Verweis, auch wenn er sichtbar ist, den er wie in ein Spiel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit oder in die Abgabe seines Willens an eine höhere Ordnung einbindet.

Paucar präsentiert in der Ausstellung Ode drei Arbeiten: eine Videoprojektion, eine Wandarbeit und eine Performance, die er zur Eröffnung aufführte und die im Laufe der Ausstellung noch über Monitor zu sehen ist. Die Videoprojektion „Fuerza Centrifugal“ (Zentrifugale Kraft), 2009 zeigt eine Person, die sich flach auf dem Bauch kriechend auf einem Betonuntergrund bewegt. Aus der Bewegung ist nicht eindeutig erkennbar, ob es sich dabei um einen Boden oder eine Wand handelt, ob sie flach oder geneigt ist. Die Figur beginnt, sich mit Hilfe der Bewegung aller vier Extremitäten um sich selbst zu drehen. An den Händen und Füßen des Künstlers befinden sich Graphite, so daß seine Bewegungen sich in den Untergrund einschreiben und ablesbar werden. Mit jeder Drehung um die eigene Achse verdichten sich die Linien. Die Bewegung entsteht aus der Mitte des Körpers heraus, eine zentrifugale Kraft, die sich von innen nach außen fortsetzt. Sichtbar wird ein Kreis, in dem der Künstler sich um sich selbst dreht, obwohl es nicht Paucars Absicht war, einen Kreis entstehen zu lassen. Vielmehr hat den Künstler interessiert, was sich im Prozeß der ungesteuerten Bewegung, die allein aus dem Impuls der Drehung agiert, ergibt. Daß der Anblick des Menschen mit den ausgestreckten Gliedmaßen, der sich in einem um ihn herum gemalten Kreis befindet, auch als Sinnbild für die Proportionslehre Leonardo da Vincis fungiert, ist offensichtlich. Diese Idee war aber nicht Ausgangspunkt der Arbeit, sondern die Erkenntnis im Nachhinein. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil Paucars Werk: ein work in progress mit einem selbst gesetzten Ende.

Die Wandarbeit „Circulo del Altiplano“ (Kreis des Altiplano), 2009 besteht aus neun original peruanischen Zöpfen, die geflochten sind und in Zweierpaaren angeordnet in einem Kreis an die Wand des Ausstellungsraumes angebracht sind. Trotz ihrer Fixierung an der Wand zeugen sie in der Art ihrer Anordnung von einer Dynamik, die an einen traditionellen Kreistanz erinnert. Tatsächlich sind diese Zöpfe für ihn ein Sinnbild für den gesellschaftlichen Wandel in Peru, ein Verweis auf die Schwelle an der die jungen Frauen in Peru und vielen anderen Ländern dieser Welt stehen: der Schwelle zwischen dem modernem Lebensstil in der Großstadt – mit abgeschnittenen Haaren – und ihrer Verbundenheit mit der Tradition ihres Landes in ländlichen Gegenden, das sich beispielsweise im Tanz zeigt – mit Zopf. Haare werden in vielen Kulturen als Speicher für Energie und Erinnerung betrachtet, sie sind außerdem Sinnstifter für Identität und Ordnung, sind Relikte und Zeichen für Transformation.

Im Zentrum der Ausstellungshalle befindet sich der Aktionsspielraum für die Performance “Tanz der Anziehung”, 2009. Sie beginnt damit, dass Paucar den Raum betritt, bekleidet in einem schwarzen Arbeitsanzug mit blinkenden Metallknöpfen, sein Gesicht verdeckt eine schwarze Schweißmaske. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Plastikhelm, auf den er sich noch einen silberfarbenen Metalllampenschirm setzt und diesen mit schwarzem Klebeband, das er geräuschvoll von der Rolle abzieht, auf seinem Kopf befestigt. Zu seinen Füßen befindet sich eine große Ansammlung von nach Müll aussehenden metallischen Gegenständen. Daraus greift er zunächst ein zusammen gestauchtes Plastikrohr, das er unter Knacken und Ächzen des Materials auseinander zieht und dieses um sich herum schwingend zur Vibration und zum Klingen bringt und dabei langsam und behäbig den Raum durchschreitet. Danach legt er sich langsam und voll Bedacht auf den Müllberg. Er beginnt in die Metallansammlung hineinzugreifen und das, was er fassen kann, hinter sich auf seinen Rücken und in den Raum hinein zu werfen, sich gleichsam darin zu vergraben und zu wälzen. Nach einer Weile erhebt er sich langsam – behaftet mit den unterschiedlichsten Gegenständen, die nun förmlich per Magnetkraft an seinem Körper kleben, und beginnt, sich weiter, deutlich beschwerter, durch den Raum und zu bewegen und Dinge hinter sich herzuziehen, die an ihm hängen. So verläßt er den Raum.

Es ist eine Metapher für das Leben: die Menschen sammeln im Laufe Ihres Lebens Erfahrungen und Erlebnisse, wälzen sich in ihren Themen und diese Dinge werden im Körper gespeichert. Vieles haftet an Ihnen an, sie tragen es mit sich herum, vieles schränkt ihre Beweglichkeit ein, doch sie sind nicht in der Lage sich davon zu befreien, denn der Versuch führt zunächst zu noch größerer Anhaftung. Es entsteht ein Bild dafür, wie die Menschen im Laufe der Zeit immer mehr Dinge mit sich herum tragen oder hinter sich her ziehen. Sie wiegen oft schwer, erdrücken sie geradezu – wie eine große Last, die sie immer unbeweglicher werden läßt und möglicherweise sogar deprimiert. Die Performance kann aber auch als Kritik gelesen werden an der Sammlernatur des Menschen, der sich ins krankhaft Übertriebene steigert – oder als ein Versuch, sich vor immer mehr Gefahren im Außen schützen zu wollen, denn Metall hat in seiner Materialeigenschaft auch eine Schutzfunktion inne.